2016/06/22

Mach's gut, Opa. Ich hab' dich lieb!

In der letzten Zeit ist es ziemlich still hier auf dem Blog gewesen. Hinter meiner Familie und mir liegen sehr schwere Wochen, Tage und Stunden. Wir mussten nämlich leider ganz unverhofft Abschied von meinem Opa nehmen.



Die vergangenen Wochen haben meine Oma, meine Tante, mein Cousin, mein Papa, meine Mama, meine Schwester und ich daher sehr viel Zeit im Krankenhaus verbracht.

Ursprünglich ist er am Pfingstwochenende wegen starkem Durchfall in das Krankenhaus gekommen, doch dort stellten die Ärzte fest, dass er unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist und schon bald sterben wird. Der Krebs befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Endstadium und hat daher schon einige Metastasen gestreut. Unter anderem befanden sich auch mehrere Metastasen in seinem Kopf.

Ich muss an dieser Stelle gestehen: Auch wenn ich meinen Opa sehr, sehr gern‘ gehabt habe, war es nicht immer einfach zwischen uns, vor allem nicht in der letzten Zeit. Da haben wir leider kaum Kontakt miteinander gehabt. Doch als ich erfahren habe, wie schlecht es ihm wirklich geht, wollte ich einfach nur so oft wie möglich bei ihm sein und die Zeit mit ihm noch einmal nutzen. In diesem Moment sind all die Streitigkeiten und Auseinandersetzungen, die wir in den letzten Jahren immer wieder gehabt haben, ganz weit nach hinten gerückt und waren einfach nicht mehr wichtig.

Nachdem er nach über einer Woche warten endlich von der Gastroenterologie auf die Onkologie in eine Fachklinik verlegt wurde, jedoch hierfür leider sediert werden musste, verschlechterte sich sein Zustand rapide. Von dem einen auf den anderen Tag wurde er komplett pflegebedürftig. Er konnte nicht mehr aufstehen, kaum noch sprechen, ihm musste das Essen und Trinken angereicht werden, er benötigte einen Katheter und musste eine Windel tragen. Zudem musste er zu seinem Schutz sogar dauerhaft an den Armen, dem Bauch und an einem Bein fixiert werden. Das tat mir unheimlich weh mit anzusehen.

Hinzu kam, dass er irgendwann sehr mit immer wiederkehrenden Atemaussetzern zu kämpfen gehabt hatte. Diese wurden immer länger und kamen immer häufiger vor. Zuletzt waren die Atemaussetzer sogar bis zu zwei Minuten lang.

Anfänglich habe ich es, im Gegensatz zu all den anderen um mich herum, nicht geschafft, ihn zu streicheln oder auch mal seine Hand zu nehmen und zu halten, obwohl ich es so gerne wollte. Zudem wollte ich ihm unbedingt einen kleinen Glücksbringer und ein dazu passendes kleines Täfelchen Schokolade überreichen, welche ich extra für ihn in der Stadt besorgt und schon seit Tagen in meiner Umhängetasche mit mir herum getragen habe. Doch es hat sich bis dahin einfach nie ein passender Moment ergeben. Das hat mich zwischenzeitlich sehr traurig gemacht. So traurig, dass ich den einen Abend weinend vor dem Krankenhaus saß.

Meine Tante ist daraufhin, nachdem sie mich getröstet hat und ich ihr erzählen konnte, warum ich so traurig gewesen bin, noch einmal mit mir ganz allein zu ihm hoch in sein Zimmer gegangen, obwohl wir uns eigentlich gerade auf dem Heimweg machen wollten. Dort habe ich ihm erst den Glücksbringer und die Schokolade auf seinen Nachttisch gestellt, worüber er sich sehr gefreut hat, und danach gemeinsam mit meiner Tante, welche meine Hand in ihrer Hand gehalten hat, noch einmal ganz vorsichtig seine Hand berührt und gestreichelt und diese sogar einen kurzen Augenblick ganz alleine gehalten.

Seitdem habe auch ich es immer wieder mal geschafft, ihm über sein Gesicht oder seinen Oberkörper zu streicheln oder auch einfach nur seine Hand zu nehmen und zu halten.

Die letzten zwei, drei Tage haben wir sein Zimmer kurzerhand zum Familienzimmer umfunktioniert und uns ein zusätzliches Bett reinstellen lassen, sodass wir die Möglichkeit gehabt haben, Tag und Nacht bei ihm sein zu können. Er war nämlich in diesen Tagen immer wieder sehr unruhig und angespannt und hat jedes Mal, wenn er einen wachen Moment gehabt hatte, deutlich über Schmerzen geklagt. Zwar hat er die ganzen Tage über schon in regelmäßigen Abständen Morphin gespritzt bekommen, doch die Wirkung der Morphin-Spritzen wurde von Mal zu Mal immer weniger. Die Ärzte haben sich daraufhin gemeinsam mit meiner Tante, welche für die Zeit im Krankenhaus kurzfristig die rechtliche Betreuung für ihn übernommen hatte, dafür entschieden, ihn mithilfe einer Spritzenpumpe, einem sogenannten Perfusor, dauerhaft Morphin über einen Zugang zu verabreichen, in der Hoffnung, ihm so die Schmerzen etwas nehmen zu können.

Und dann ging alles ganz schnell.

Als sich abzeichnete, dass er in den nächsten Stunden sterben wird, haben mein Papa, meine Schwester und ich uns gleich früh morgens auf dem Weg in das Krankenhaus gemacht.

Gemeinsam mit meiner Schwester bin ich dann mit Tränen in den Augen und zittrigen Knien ein letztes Mal zu ihm hoch in sein Zimmer gegangen, um mich von ihm zu verabschieden. Das war der Moment, vor dem ich mich all die Tage am meisten gefürchtet habe: das Verabschieden und das Loslassen. Doch auch, wenn ich in diesem Moment vor Traurigkeit kaum ein Wort heraus bekommen habe, habe ich es geschafft, kurz bevor ich aus seinem Zimmer gegangen bin, ihm noch einmal zu sagen, dass ich ihn lieb habe und ihm einen Kuss auf die Stirn zu geben. Meine letzten Worte zu ihm waren nicht mehr und nicht weniger als: „Mach´s gut Opa. Ich hab‘ dich lieb!“. Doch diese zwei Sätze bedeuten mir im Nachhinein unglaublich viel, da ich solche Sätze wie „Ich hab´ dich lieb“ oder auch „Ich liebe dich“ nur selten zu jemanden sagen kann.

Auch er hat bereits die Tage davor angefangen, sich nach und nach von uns allen zu verabschieden, in dem er jeden von uns noch einmal ganz fest in den Arm genommen und einen Kuss auf die Wange gegeben hat.

Während meine Tante und mein Cousin bis zuletzt oben bei meinem Opa geblieben sind, verbrachte ich die letzten Stunden gemeinsam mit meinem Papa und meiner Schwester bewusst unten in der Cafeteria. Mein Papa versuchte irgendwie so die Zeit herum zu bekommen, meine Schwester war fleißig und erledigte verschiedene Aufgaben für die Uni und ich wiederum versuchte ein Buch zu lesen, welches ich mir noch morgens im Krankenhaus gekauft habe. Draußen regnete es währenddessen ununterbrochen in Strömen und es fing den Nachmittag über sogar an zu gewittern. Kurz danach haben wir die erlösende Nachricht erhalten, dass er es endlich geschafft hat. Genau einen Tag nach Mamas und Papas 25. Hochzeitstag. Diesen Tag wollte er unbedingt noch miterleben. Und er hat es geschafft. Meine Mama und meine Oma haben sich daraufhin auch sofort auf dem Weg in das Krankenhaus gemacht.

Nachdem jeder von uns erst einmal ein paar Minuten für sich alleine gebraucht hat, bin ich danach noch einmal gemeinsam mit meiner Tante und meinem Cousin zu ihm hoch in sein Zimmer gegangen, um ihn noch ein aller letztes Mal zu sehen und ihm meinen Glücksbringer und einen Brief von meinem kleinen Cousin in seine Hände zu geben. Diese beiden Dinge sollten nämlich unbedingt bei ihm sein und ihn auf seiner letzten Reise begleiten. Später kam meine Oma noch dazu.

Die ersten Tage nach seinem Tod hat mich die Trauer wie eine riesengroße Welle mitgerissen und überrollt. Nach all den Tagen im Krankenhaus fiel es mir unglaublich schwer diese plötzliche Leere zu ertragen. Ich habe es vermisst, ihn nicht mehr jeden Tag besuchen zu können. Ich habe es vermisst, nicht mehr neben seinem Bett sitzen zu können. Ich habe es vermisst, nicht mehr mit ihm sprechen zu können. Ich habe es vermisst, nicht mehr seine Hand halten zu können. Und ich habe es vermisst, nicht mehr für ihn da sein zu können. Doch am meisten habe ich einfach ihn als Mensch vermisst. Die meiste Zeit habe ich mich daher in meinem Zimmer bei meinen Eltern zurück gezogen, viel Musik gehört und mir gleichzeitig viele alte Bilder und Videos von früher angesehen.

Zudem habe ich die ersten Nächte sehr unruhig geschlafen und sogar erstmals mit nächtlichen Panikattacken zu kämpfen gehabt.

Doch mittlerweile versuche ich, immer wenn ich traurig werde, an all die schönen Momente zu denken, die ich mit meinem Opa gemeinsam gehabt habe, vor allem in der Kindheit. Das hat mir auch schon sehr bei Marcs Oma geholfen, welche ja leider nur ein halbes Jahr zuvor verstorben ist (den Post darüber findet ihr hier).





Ich muss dann immer wieder daran denken, wie ich mit ihm gemeinsam auf seinem Schoß sitzend seinen geliebten BMW in die Garage fahren durfte, wie er mir unzählige Geschichten von Schichtelzwerg erzählt hat oder auch vom seinem angeblichen Haifischbiss, wie er mich im Griechenland-Urlaub laut „Wir wollen Sonne“ singend bei über 30 Grad im Schatten auf seinen Schultern durch die Gegend getragen hat, wie oft und gerne wir den kleinen Zoo besucht haben, wie er mir das Karten spielen beigebracht hat, angefangen vom Schwarzen Peter bis hin zu Siebzehn und Vier und Knack, oder auch wie ich ihm mit kleinen Arbeitshandschuhen für Kinder, die er extra für mich besorgt hatte, in seiner Werkstatt helfen durfte, an seinen LKWs herum zu schrauben.

Außerdem werde ich nun jedes Mal, wenn es gewittert, an meinen Opa denken müssen. Denn ich bin bei Gewitter geboren (und der Blitz hat sogar in Opas damaliges Faxgerät eingeschlagen) und mein Opa ist bei Gewitter gestorben. Das ist etwas, was uns immer miteinander verbinden wird.

Nadine


Feine Sahne Fischfilet – Warten auf das Meer

Ich sitze am Fenster, hier neben dir
Regen prasselt an die Scheiben
von früh bis spät.
Alles andere egal, völlig scheißegal
Hauptsache du schläfst
Und deine Hände bleiben warm.

Ich vergesse nie die Tage
da draußen auf dem Meer
Ungewiss und ohne Schlaf
Das hast du nicht verdient
Ich vergesse nie die Tage
da draußen auf dem Meer
Du warst so oft für mich da
Jetzt bin ich für dich hier

Komm wir dreh'n ne Runde auf Station
Das wird nicht einfach, nichts wie gewohnt
Die Geräte rauben dir den Schlaf
Der Schmerz dringt in die Seele, das ist völlig normal!

Ich vergesse nie die Tage
da draußen auf dem Meer
Ungewiss und ohne Schlaf
Das hast du nicht verdient
Ich vergesse nie die Tage
da draußen auf dem Meer
Du warst so oft für mich da
Jetzt bin ich für dich hier

Vollgepumpt mit ihren Drogen
Und der Schweiß in deinem Gesicht
Warum musst du denn so leiden
Ich hoffe, das das bald vergeht

Ich hab mich selten so gefühlt
Diese Leere bringt mich um
Das ist doch alles nicht gerecht
Wieso es immer die Besten trifft.

Warten, warten,
Warten auf das Meer.

Warten, warten,
Warten auf das Meer.

Warten, warten,
Warten auf das Meer.

Warten, warten.


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