2017/10/17

Große Veränderungen oder auch über die Angst, Erwachsen zu werden

Vor Kurzem habe ich auf Facebook und auch hier auf dem Blog erwähnt, dass bald große Veränderungen anstehen werden, was Marc und meinen gemeinsamen Alltag betrifft. In dem heutigen Post möchte ich euch endlich ein bisschen mehr darüber erzählen. Auch, wenn ich ehrlich gesagt noch gar nicht so genau weiß, wo ich anfangen soll zu erzählen, da es einfach so, so unglaublich viel zu erzählen gibt. Am besten fange ich einfach ganz von vorne an.

Letztes Jahr um diese Zeit hat Marc sich nach langem überlegen dazu entschlossen, sich noch einmal beruflich umzuorientieren und eine neue Ausbildung zu beginnen. Nach über einem Jahr hoffen und bangen, hat er vor ein paar Wochen endlich die offizielle Zusage dafür erhalten, nachdem er sich die letzten Wochen und Monate tapfer durch ein schriftliches Auswahlverfahren, ein mündliches Auswahlverfahren und einigen ärztlichen Untersuchungen gekämpft hat. Da die Ausbildung jedoch mit einem Theorieblock in Berlin beginnen wird, wird er die kommenden Monate erst einmal zwangsläufig in Berlin verbringen müssen. Deshalb wird sowohl Marc, als auch mich in der nächsten Zeit ein komplett neuer Alltag erwarten und wir beide müssen in dieser Zeit erst einmal wieder eine Wochenendbeziehung führen. Bisher haben wir es immer so gehandhabt, dass ich unter der Woche bei Marc in seiner Wohnung zu Besuch gewesen bin und wir beide dann die Wochenenden gemeinsam bei meinen Eltern verbracht haben. Doch nun wird es genau anders herum sein. In den kommenden Monaten werde ich nun erst einmal wieder unter der Woche bei meinen Eltern wohnen und die Wochenenden dann hoffentlich – wenn das mit dem Pendeln alles so klappt, wie wir uns das vorstellen - gemeinsam mit Marc in seiner Wohnung verbringen. Im Moment gibt es für mich nämlich leider keine andere Möglichkeit, als erst einmal unter der Woche wieder bei meinen Eltern zu wohnen. Ich bin zwar mittlerweile eigenständig genug, um mich weitestgehend alleine zu versorgen, was das Einkaufen, das Kochen oder auch den Haushalt betrifft. Das sah vor fünf Jahren noch ganz anders aus. Doch ich habe im Moment leider keine Möglichkeit, aus dem Ort, in dem Marc derzeit wohnt, mit dem Bus oder auch der Bahn wegzukommen und all meine Termine , die ich unter der Woche so habe, wie zum Beispiel meinen wöchentlichen Termin bei der Ergotherapie, wahrzunehmen, da dieser so schlecht an Hannover angebunden ist. Selbst so alltägliche Erledigungen, wie zum Beispiel ein paar Kleinigkeiten einkaufen, zur Bank gehen und Geld abheben oder mal ein Brot vom Bäcker holen, sind dann nicht möglich. Und einen Führerschein besitze ich leider auch immer noch nicht, obwohl ich nach wie vor fleißig dafür spare. Ich bin also noch immer auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Und diese fahren leider deutlich öfter und zu besseren Zeiten aus dem Ort, in dem meine Eltern derzeit wohnen. Ein weiterer Grund, warum es für mich momentan nicht möglich ist, vorübergehend alleine zu wohnen, ist, dass ich nachts noch immer vor Angst oft nicht ein-und durschlafen kann, vor allem, wenn ich so wie jetzt bald, alleine schlafen muss. Deshalb werde ich in den kommenden Monaten erst einmal wieder in mein altes Jugendzimmer bei meinen Eltern zuhause ziehen müssen.

Ich muss zugeben: Vor allem die Sache mit dem vorrübergehenden Wiedereinzug bei meinen Eltern hat sich anfangs angefühlt, wie ein riesengroßer Rückschritt. Mal abgesehen davon, dass es mir sehr schwer fällt, wieder von Marc getrennt zu sein, trotz mehrjähriger Fernbeziehung, und erst einmal nur eine Wochenendbeziehung zu führen, wird mir dadurch irgendwie auch wieder ein ganzes Stück meiner Selbstständigkeit genommen, für die ich die letzten fünf Jahre so sehr gekämpft habe. Deshalb bin ich die letzten Wochen und Monate leider auch in ein ziemlich tiefes Loch gefallen. In dieser Zeit war ich kaum zu etwas zu bewegen, habe viel geweint und mir ging es einfach nur schlecht. Ganz, ganz schlimm! Zudem habe ich mich oft mit Marc wegen total unsinnigen Dingen in Diskussionen verstrickt und konnte überhaupt keine Nähe zu ihm zulassen. Und auch von meiner Familie und meinen Freunden habe ich mich eine ganze Zeit lang zurückgezogen. Am liebsten hätte ich mich in dieser Zeit einfach nur in meinem Bett unter meiner Bettdecke verkrochen und wäre nie wieder hervorgekommen. Ich bin nämlich wieder mal nicht das lästige Gefühl losgeworden, mich ständig nur im Kreis zu drehen und im Leben einfach nicht vorwärts zu kommen. Kurzzeitig erschien für mich alles einfach nur noch sinnlos. Versteht mich bitte nicht falsch. Ich liebe meine Eltern über alles und bin sehr gerne bei ihnen zuhause. Doch ich möchte mit meinen mittlerweile über 26 Jahren einfach von niemanden mehr abhängig sein und endlich ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen! Ganz egal, ob Autist oder Nicht-Autist. Auch ich habe mittlerweile den Wunsch nach Eigenständigkeit, Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit. Einfach nach Freiheit. So wie die meisten Anderen in meinem Alter auch. Ganz am Anfang waren Marc und ich sogar kurzzeitig am überlegen, ob wir in dieser Zeit aus finanziellen Gründen Marcs Wohnung nicht ganz aufgeben und erst einmal beide wieder zu meinen Eltern zurück ziehen werden. Diese Möglichkeit haben uns meine Eltern nämlich von sich aus angeboten. Doch von dem Gedanken sind wir zum Glück ganz schnell wieder abgekommen. Denn sowohl Marc, als auch mir, war es sehr wichtig, einen gemeinsamen Rückzugsort zu haben. Und den bietet so eine eigene Wohnung deutlich besser, als mein gerade mal etwas über 15 Quadratmeter großes Zimmer bei meinen Eltern, welches wir uns dann gemeinsam hätten teilen müssen! Auf der anderen Seite habe ich manchmal aber auch riesengroße Angst, vor dem Erwachsen werden. Obwohl ich es mir so sehr wünsche, endlich von zuhause auszuziehen, einen Führerschein zu machen, zu heiraten, eine kleine Familie zu gründen oder auch ein Eigenheim zu bauen oder zu kaufen, machen mir all die Veränderungen riesengroße Angst.

Doch es gibt neben all den eher weniger erfreulichen Neuigkeiten auch eine gute Neuigkeit! Marc und ich werden Anfang Dezember endlich in eine neue Wohnung ziehen. In unsere erste richtige gemeinsame Wohnung! Wie ihr ja vielleicht schon mitbekommen habt, haben Marc und ich uns in der letzten Zeit immer mal wieder nach einer neuen Wohnung umgesehen und nun sind wir endlich fündig geworden! Die Wohnung haben wir kurz vor Marcs Ausbildungsbeginn zufällig im Internet entdeckt und nur ein paar Tage später, nachdem wir uns die Wohnung angesehen haben und auf Anhieb von der Wohnung begeistert gewesen sind, bereits die Zusage dafür erhalten. Und so werden wir nun in ein paar Wochen von Marcs Zwei-Zimmer-Dachgeschosswohnung gemeinsam in eine Drei-Zimmer-Dachgeschosswohnung ziehen. Nur wenige Orte weiter von dem Ort, in dem Marc derzeit noch wohnt. Doch noch viel besser ist: Die Wohnung ist nicht nur erst letztes Jahr im Herbst frisch renoviert worden, sondern hat auch eine Badewanne und einen kleinen Balkon. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich auf die neue Wohnung freue! Das fühlt sich fast so an wie ein Sechser im Lotto! Der Ausblick darauf, dass Marc und ich nun endlich bald gemeinsam in eine neue Wohnung ziehen werden, hat letztendlich auch erheblich dazu beigetragen, mir aus dem Loch, in das ich eine ganze Zeit lang gefallen bin, wieder herauszuhelfen und mich wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft blicken lassen. In dem kleinen Örtchen, in dem wir schon bald wohnen werden, gibt es sogar auch einen kleinen Supermarkt, einen Bäcker, eine Apotheke oder auch eine Bank. Das bedeutet, ich kann demnächst auch mal so kleine alltägliche Erledigungen, wie weiter oben schon beschrieben, alleine erledigen. Auch ohne Führerschein und Auto. Und auch die Bus- und Bahnanbindungen Richtung Hannover sind dort um einiges besser, sodass ich unter der Woche, wenn Marc arbeitet, auch meine Termine von nun an wieder alleine wahrnehmen kann. Das war ja immer eines unserer Hauptkriterien für unsere zukünftige Wohnung.

Mittlerweile möchte ich die ganze Sache mit der Ausbildung, der kurrzeitigen Trennung von Marc und dem vorrübergehenden Wiedereinzug bei meinen Eltern einfach nur noch angehen und durchziehen. Genauso wie den Umzug in die neue Wohnung. Auch wenn es bestimmt nicht immer einfach werden wird. Doch manchmal muss man eben auch einen Schritt zurück gehen, um wieder zwei Schritte vorwärts gehen zu können.

Nadine

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